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Samstag, 18. August 2012

Pfälzer in Gefangenschaft III


Im dritten Teil seines Berichts aus der Krieggefangenschaft beschreibt Eugen Antoni seine Zeit im Lager Foucarville in der Normandie. Foucarville liegt ganz in der Nähe von "Utah-Beach", dem Küstenabschnitt, von wo die Invasion der Allierten am "D-Day" ihren Ausgang nahm. In dem Lager, auch "Continental Central Enclosure n°19" genannt, hielten sich zeitweise 40 000 Gefangene auf, die in sogenannten "cages", untergebracht waren, inklusive 216 Generälen und 6 Admirälen. Es war wie eine kleine Stadt und verfügte sogar über eine Schmalspureisenbahn für die Verteilung der Verpflegung und über Elektrizität lange bevor die umliegenden Dörfer an die Stromversorgung angeschlossen wurden; es hatte außerdem ein Theater und  ein Hospital mit 1000 Betten sowie zu einem Zeitpunkt, der nach dem vorliegenden Bericht liegen muss, auch mehrere Kapellen. Die Gefangenen wurden außer für lagerinterne Aufgaben für die Minenräumung und für Wiederaufbauarbeiten der zerstörten Normandie eingesetzt. Die letzten wurden 1948 entlassen


Lagerplan**
"Im neuen Lager F o u c a r v i l l e am Meeresufer der Normandie wandte sich Gott sei Dank! manches zum Bessern. Vor allem fanden wir hier bei den großen Sonntagsgottesdiensten auf dem Sportplatz einige hundert  Pfälzer Landsleute, darunter viele alte Bekannte. Bald hatten wir auch festgestellt, dass der Bauleiter des Lagers aus Kaiserslautern stammte und durch sein großes Ansehen bei der amerikanischen Lagerverwaltung einen „langen Arm“ besass. Den benutzte er auch kräftig dazu, Pfälzer Landsleuten zu begehrten Posten zu verhelfen. Bald war der und jener Kamerad in einem Baukommando untergebracht, fuhr auf der Lagerbahn oder arbeitete für die Lagerzeitung. Alle bekamen als „Worker“ eine bessere Verpflegung und Unterkunft und sorgten ihrerseits wieder dafür, dass jeder freiwerdende Posten in ihrer Umgebung nur durch einen Pfälzer besetzt wurde. Selbst in so begehrte Stellen wie Lagerbäckerei, Verpflegungsmagazin oder gar eine amerikanische Offiziersküche brachten wir schliesslich Pfälzer hinein. Sie versorgten getreulich jene vom Glück weniger begünstigten Kameraden, die keinen gehobenen Posten bekommen konnten mit all den guten Dingen, die ihnen reichlich zur Verfügung standen.
Die Lagerbäckerei, die täglich
20 000 Brote buk**
Leider mangelte es in der peinigenden Langeweile des Lagerlebens auch an g e i s t i g e r K o s t. Die wenigen Schmöker der Lagerbücherei waren bald gelesen, sprachen als reine Unterhaltungsliteratur leidgeprüfte Männer wenig an. Wir beneideten die protestantischen Kameraden, die vom Christlichen Verein  junger Männer (Y.M.C.A.) aus der Schweiz reichlich mit religiöser Literatur versorgt wurden. Manches lasen wir mit und benutzten sogar mit Erlaubnis unserer kath. Seelsorger protestantische Bibelübersetzungen, weil katholische fehlten. Nur ein einziges Heftchen stand uns lange Zeit zur Verfügung. Es war nicht mehr neu, von Kinderhand bekritzelt, zerknittert und beschmutzt. Ein Neustadter hatte es aus einem halbzerstörten Haus im Westwallbereich mitgenommen. Nun wanderte es im Zelt von Hand zu Hand, fand selbst in den Nachbarzelten aufmerksame Leser und diente schliesslich unsern Geistlichen als Vorbereitungsbuch zu Predigt und Religionsunterricht. So stiftetet dieses bescheidene „Christus“-Heftchen des Pigerredakteurs aus dem Pilgerverlag in Speyer unendlich viel Gutes selbst.
Später kamen dazu einige Gesangbücher des Bistums Basel und kleine, deutsche  Sonntagsmessbüchlein aus amerikanischem Ordensverlag. Klafft hier nicht eine bedauerliche Lücke in der katholischen Gefangenenhilfe? Wie mancher, der sich in den letzten Jahren vom Glauben abwandte, ist durch die seelischen Erschütterungen des Zusammenbruchs wieder aufnahmebereit geworden für religiöse Gedanken. Klug ausgewählte Bücher würden in den Kriegsgefangenenlagern  manchen Suchenden zum Glauben seiner Kindheit zurückführen. Niemehr werden Männer aller Altersstufen so viel Zeit zum Lesen haben und so aufnahmebereit auch für ernste Lektüre sein wie in den Monaten, ja vielleicht noch Jahren hinterm Stacheldraht.
Die amerikanische Lagerleitung, in der je ein protest. und ein kath. Feldkaplan einen grossen Einfluss besassen, sorgte sich schliesslich wenigstens um die geistige Betreuung  der 17 000 deutschen Jugendlichen unter achzehn Jahren, die in eigenen „Baby Cages“ untergebracht waren. Für sie wurde eine Art Berufsfortbildungsschule unter dem stolzen Titel „P.W. University“ eingerichtet*. Gleich von Anfang an waren wir Pfälzer in deren „Lehrkörper“  sehr gut vertreten, und bald wurde das Pfälzer Zelt im landschaftlich schönen Lehrercage an den Abenden und Sonntagnachmittagen ein Treffpunkt vieler Landsleute.  Wie liebevoll wurde hier gegenseitge Hilfe ausgetauscht! Wie grossartig jeder Geburtstag gefeiert! Achtundsiebzig Gratulanten stellten sich an diesem Tage bei mir ein und verscheuchten durch ihr ständiges Kommen und Gehen vom frühen Morgen bis zum späten Abend das zehrende Heimweh, das an allen Familienfesttagen in der Gefangenschaft sonst ganz besonders bitter brennt. Jeder Besucher brachte neben guten Wünschen und einem hoffnungsvollen Zuspruch trotz seiner eigenen Armut ein meist mühsam beschafftes Geschenk mit. Neben manchem wertvollen Kunstwerk, das emsiger Fleiss geschickter Bastler geschaffen, erfreute auch der einfache Feldblumenstrauss oder die durch Wochen gesammelten Zigarettenstummel als Futter für die ewig hungrige Pfeife.
Die Kirche von Foucarville
Was uns dieses Lehrercage besonders lieb machte, war neben seinem alten Baumbestand und dem schönen Ausblick auf das nahe Meer die gegenüber liegende uralte katholische Kirche. Ihr harmonisches Geläut erinnerte täglich dreimal an die unvergessenen Glocken der Heimat und an Sonntagen sahen wir mit sehnsüchtigen Augen durch den Stacheldraht auf der Strasse draussen zahlreiche Familien aus den weit zerstreuten Einzelgehöften der Umgebung am Vormittag zum Hochamt und nachmittags zur Vesper kommen. Doch mancher wandte sich mit Tränen im Auge vom Anblick der vorbeiströmenden alten Leute, der jungen Frauen und munteren Kinder ins Lager zurück, erinnerten sie doch gar zu sehr an die so lange entbehrten Lieben daheim. Immer schmerzvoller wurde die Sehnsucht nach ihnen. Darum machten wir Pfälzer Katholiken am Hochfest unserer Diözese, am Marienhimmelfahrtstage unserer Bistumspatronin ein Gelübde. Wir versprachen ihr nach glücklicher Heimkehr zu werben für eine sonntägliche, nach Pfarreien wechselnde M ä n n e r a n b e t u n g  auf  M a r i a  R o s e n b e r g.
Kirche der Wallfahrtsstätte Maria Rosenberg
bei Waldfischbach-Burgalben. Aufnahme
aus den 1940er Jahren
Ein begabter Schüler der Buchdruckerklasse schrieb die künstlerisch wertvolle Urkunde, in die sich Kameraden aus allen Teilen der Pfalz  und zugleich Vertreter der verschiedensten Stände und Berufe eintrugen. Die meisten Unterzeichner sind unter dem Schutze der Gottesmutter bereits wohlbehalten heimgekehrt. Sie beten für jene, die sich jetzt vereinsamt doppelt nach der Heimat sehnen. Wenn alle zurückgekehrt sind, werden wir von unserem Plane, der eine religiöse Festigung aller katholischen Männer der Pfalz bezweckt, noch mehr hören lassen."


*Solche "Lager-Unis" hat es mehrere gegeben. Sie waren natürlich vor allem der Umerziehung gewidmet, jedoch konnten dort auch berufliche und akademische Abschlüsse erworben werden. In Foucarville wurden Englisch, Französisch, Mathematik, Landwirtschaft, handwerkliche Fertigkeiten und Theologie unterrichtet. Ein eindrucksvolles Zeugnis des Theologiestudiums in Kriegsgefangenenlagern auf französischem Boden gibt das Buch von Walter Ohler: "Der Herr hat uns hierhergebracht..." Gefangenschaft und Theologiestudium in den französischen Lagern Chartres und Montpellier 1945-1947. (1999 herausgegeben von Christophe Baginski und Christine Lauer im Knecht Verlag, Landau).
Mehr zum Theologiestudium in Kriegsgefangenenlagern hier und hier.

** Mehr Bilder und Informationen über das Lager Foucarville sind hier zu finden.

Dienstag, 31. Juli 2012

Pfälzer in Gefangenschaft II

Im zweiten Teil seines Berichts  beschreibt Eugen Antoni die fachkundige und hingebungsvolle Herstellung einer vollständigen Messausstattung mit einfachsten Mitteln durch die Gefangenen in Voves bei Chartres, ehemals ein Stanmmlager der Nazis, dann ein französisches Internierungslager und schließlich ab September 1944 ein amerikanisches Kriegsgefangenenlager.
Ich finde diesen Teil seines Berichts besonders bewegend und nicht zuletzt auch ein Zeichen von erfrischend pragmatischer Ökumene unter besonderen Umständen....  Nur zu gerne hätte ich diese Messausstattung gesehen!

Die allerschönste, wenn auch schwierigste Aufgabe der Gemeischaftsarbeit war die Schaffung einer dritten Messausstattung für die katholischen Feldgeistlichen des Lagers. Sie hätten uns gerne täglich zur gewohnten Morgenstunde in jedem Cage (abgeschlossenem Lagerteil für 1500 Gefangene) die hl. Messe gefeiert. Aber für sieben Priester standen nur zwei Messkoffer zur Verfügung. Deshalb regte der ob seiner kernigen Predigten allseits beliebte Lagerpfarrer die Schaffung einer dritten Garnitur von Messgerät und Priestergewand an.
Wie würden unsere Frauen staunen, wenn sie sehen könnten, was unermüdlicher Männerfleiss rein aus dem Nichts hervorzauberte. Einige Offiziere hatten in ihrem Gepäck Leinenbettücher, weisse Hemden und Taschentücher bis hierher durchgebracht. Ein tüchtiger Schneider nähte daraus mit Schere, Faden und Nadel, die ihm Kameraden liehen, ohne Nähmaschine, ja ohne Fingerhut zwei Altardecken, ein Messgewand mit Stola und Manipel, eine Albe mit Schultertuch und Zingulum, ein Kelchvelum mit Bursa und Corporale. Als einzigen Schmuck bekamen Altartücher, Messgewand und Albe breite rote  Streifen aus Bettbarchent, der vorher als Behelfsrucksack diente.

Mit sorgfältig aus diesem Stoff ausgezogenen Fäden stickte ein junger Künstler Kelchgarnitur und Stola mit schönem Kreuzstichmuster. Leider fehlte vorerst noch der Kelch. Weil keiner der Katholiken dazu fähig war, wurde ein protestantischer Goldschmied gewonnen, der aus Messingkonservenbüchsen einen kunstvollen Kelch mit Patene und Löffelchen, zwei Messkännchen und die Altarleuchter schuf. Zum Entgelt für seine Mühe sammelten die Katholiken eine reiche Tabakspende, denn der ebenso rare wie begehrte Tabak war im geldlosen Gefangenenlager das übliche Zahlungsmittel. Mit Tabak wurde auch der Bildhauer beschenkt, der für das Altarkreuz einen wundervollen Christuskörper aus einem Birnbaumknorren schnitzte, den die Köche sorgfältig aus ihrem Brennholz ausgelesen hatten. Sie stifteten dazu noch zahlreiche wachsüberzogene Schachteln, von denen viele fleissige Hände das Wachs abschabten, das ein alter Wachszieher zu dicken Altarkerzen umgoss. Nun mussten noch Messbuch, Hostien und Wein beschafft werden. Der vollständige „Schott“, mit seinem Besitzer in sechs Kriegsjahren durch halb Europa gewandert, genügte vorerst als bescheidenes Messbuch. Hostien etwas ungewohnter Art fertigten mit mehr gutem Willen als Fachkenntnis Kameraden der Lagerbäckerei. Messwein stiftete der gütige französische Ortspfarrer, obwohl es ihm nur schwer gelang, den eigenen Bedarf zu decken. Wie vor beinahe einem Menschenalter gelüstete es die jetzt schon etwas ergrauten Messdiener wieder nach dem Weinüberrest im Messkännchen. Wer mag das auch einem Pfälzer verdenken, der schon über ein Jahr keinen Tropfen von dieser köstlichen Gottesgabe zu trinken bekam?

Bis die Messausstattung fertig war, begnügten wir uns mit unvergesslich stimmungsvollen Maiandachten. In einer stillen Lagerecke traten bei Sonnenuntergang die Kameraden um den Vorbeter, respondierten nach kurzer Lesung  kräftig zu Litanei oder Rosenkranz und sangen tiefergriffen das altvertraute „Meerstern ich dich grüße, O Maria hilf!“ zum funkelnden Sternenhimmel hinauf. Nur noch ein einziges Mal sahen wir dann noch unsere selbstgeschaffene Altarausstattung wie Gold und Purpur in der Morgensonne aufleuchten, als der Lagerpfarrer uns den Abschiedsgottesdienst hielt zu jener Fahrt, die uns angeblich in die Heimat zum Lager Baumholder bringen sollte. Doch zu unserer bitteren Enttäuschung fuhr der Transportzug in verkehrter Richtung und entfernte uns noch viel weiter von den Lieben daheim, denen all unser Sorgen, Sehnen und Beten galt.


Die in Esthal zurück gelassenen Kinder: Helene, Ruth, Wolfgang und Maria


Sonntag, 29. Juli 2012

Bericht aus der Gefangenschaft

Vermutlich im letzten Kriegsjahr und darüber hinaus (genaue Daten liegen uns leider nicht vor) verbrachte unser Großvater Eugen Antoni einige Monate in amerikanischer Gefangenschaft in verschiedenen Lagern auf französischem Boden - zunächst in Voves bei Chartres, dann in Foucarville in der Normandie. Zurück in Esthal verfasste er über diese schwierige Zeit einen Bericht, der vermutlich zur Publikation bestimmt war und vielleicht auch veröffentlicht wurde - möglicherweise in der Bistumszeitung "Der Pilger".
Diesen Bericht werden wir hier aufgrund seiner Länge in mehreren Teilen einstellen. Er ist nicht nur als generelles Zeitzeugnis interessant, sondern auch deshalb, weil er einmal mehr den Mythos vom vor dem Konzil  liturgisch völlig ungebildeten und unselbständigen katholischen Laien in Frage stellt.


Pfälzer in Gefangenschaft
von Hauptlehrer E. Antoni, Esthal



Erinnert ihr euch noch an die Geschichte vom Pfälzer Weberlein? Vor Jahren haben wir sie in der Volkssschule gelernt und waren stolz auf den stimmkräftigen Landsmann, den der Pfälzer Kaiser im Wiener Stephansdome aus Hunderten von Sängern heraushörte. Gerade so wie dem guten Kaiser Rupprecht im fernen Wien ging es mir in mehreren amerikanischen Gefangenenlagern. Ich hatte Heimweh nach der schönen Pfalz, noch mehr aber nach den lieben Pfälzern. Wenn man ganz allein unter einigen tausend Ostmarkern, Sachsen oder gar Preussen leben muss, die so ganz anders in ihrem Denken, Fühlen und Reden sind, kommt einem gar oft das heulende Elend an. Übetriebene österreichische Höflichkeit, sächsische Gemütlichkeit und preussische Großmäuligkeit „hängt“ dem Pfälzer schon nach einigen Wochen „ellenlang zum Halse heraus“. Mit allen Fasern des Herzens sehnt er sich darnach, endlich wieder auf gut Pfälzisch ohne alle Höflichkeitsfloskeln und nichtssagenden Sprüche  „bable“ zu können. Als ich an Christi Himmelfahrt im Lager V o v e s ganz tief im seelischen Katzenjammer drinstak, kam die Rettung. Beim Lagergottesdienst, dem einige tausend Gefangene beiwohnten, klangen sieghaft aus dem zaghaften, unsicheren Gesang der Söhne vieler deutscher Stämme einige klare, kräftige und wohlgeschulte Stimmen heraus. Sofort erkannte ich an der heimatlichen Sangesart die Landsleute und konnte kaum den Schluss des Gottesdienstes abwarten, um sie zu begrüssen. Rasch war die Kameradschaft – von der die „lieben“ Preussen immer soviel redeten und so wenig zeigten – bei den paar Pfälzer da, umschloss uns doch ein doppeltes Band: die gleiche Heimat und der gleiche Glaube.
Wie wohltuend empfand es das Ohr, nach langer Zeit wieder einmal die vertrauten Laute aus dem Hasenpfuhl und Hemshof, vom Kotten und Horeb zu hören! Über uralte Bauernwitze aus dem tiefsten Westrich wurde herzhaft gelacht und manche Kalamität des düstern Alltags mit der zuversichtlichen Lebensweisheit zahlreicher Sprichwörter vom Rande der Haardt überwunden. Noch mehr aber half zur Meisterung vielfacher Nöte die nieversagende Hilfe der Landsmannschaft , die in ihrer Gesamtheit alles das besass, was dem Einzelnen fehlte: Nähnadel, Schere und Faden, Rasierpinsel und Spiegel, Zigarettenmaschine und Schuhbürste, kurzum viele unscheinbare, aber unentbehrliche Dinge täglichen Bedarfes. Was einer besass, stand allen zur Verfügung und ging ständig reihum. Aber auch mit Kenntnissen und Fertigkeiten half man sich brüderlich aus. Einer, dem glücklicherweise schon seine Mutter das Strümpfestopfen beibrachte, besorgte es für die anderen, die es als alte Männer leider nichtmehr lernten. Ein anderer bastelte aus Konservenbüchsen Essnäpfe, Trinkbecher und Seifenschalen, bis er wegen der ewigen Klopferei aus einer Lagerecke in die andere gescheucht wurde. Ein dritter fabrizierte Zeltstoffhausschuhe mit Holzsohlen, ein vierter Reisekoffer aus Kistenbrettern. Da schnitzte eine besonders geschickte Hand mit alten Rasierklingen aus Birkenholzstückchen künstlerische Schachfiguren, dort malte ein Zeichengenie auf sorgfältg gesammelten gleichartigen Zigarettenschachteln lustige Kartenblätter, die bald aus Pfälzer Faust mit herzhaftem „Trump!“ auf den wackligen Zelttisch knallten. 


Dienstag, 19. Juni 2012

Das politisch korrekte Schulgebet

Die Auseinandersetzungen an der Volksschule Esthal über das Schulgebet und möglicherweise andere Themen scheinen noch über ein Jahr weitergegangen zu sein. Vom 1. Mai 1938 liegt ein weiterer Brief des Schulleiters  vor, in dem er versucht, die Lehrerschaft auf seine Linie einzuschwören




Im November 1938  war es dann aber doch soweit: die neue Form des Schulgebets wurde durchgesetzt.



Zur Eröffnung des Unterrichts hatte der Lehrer vor die Klasse zu treten, den Arm zu heben und "Heil Hitler" zu sagen. Nachdem die Schüler den Gruß erwidert hatten, konnte das "Gebet" erfolgen. Der Unterricht wurde mit derselben Prozedur in umgekehrter Reihenfolge beschlossen.

Das politisch korrekte Schulgebet lautete:


Wir beten:
Vater im Himmel,
Gib Deinen Segen,
Wenn in froher Müh
Wir die Arme regen,
Von Herz zu Herze Brücken schlagen,
Und alle Zeit das Höchste wagen.
Du, unsrer Ahnen Kraft und Ehr,
Bist uns auch heute Waff und Wehr.
Ohn Dich sind wir nur ankerlos,
In Dir aber reich und gross.
Segne des Führers heldhafte Tat.
Auf Dein göttlich Geheiss
Ziehe in ewigem Kreiss
Ernte und Saat.
Amen.

Darum also und um die Frage, wem der Vorrang gebührt, Gott oder dem Führer, war insgesamt vier Jahre lang an einer kleinen Schule mitten im Pfälzer Wald zäh gerungen worden.

Der Streit war damit noch nicht beendet. Die mit dem Religionsunterricht betrauten Lehrer errangen im Mai 1939 doch noch einen kleinen Sieg. Offenbar zweifelte man fortan die Befähigung des Schulleiters an, selbst Religionsunterricht zu erteilen Dies geht aus einer weiteren Notiz an Eugen Antoni hervor, mit der der Rektor auf sein Recht verzichtet, dieses Fach zu unterrichten.



Sonntag, 17. Juni 2012

Schulgebet und Hitlergruß Teil II

Wie hier berichtet, begann der Leiter der Volksschule Esthal im Sommer 1937 auf seine Lehrerschaft zunehmenden Druck auszuüben, mit dem Ziel, eine Regierungsentschließung durchzusetzen, die das Schulgebet dem "Deutschen Gruß" und somit der Verehrung des "Führers" unterordnete.
Offensichtlich stieß er in dieser Angelegenheit nicht nur auf den hartnäckigen Widerstand des örtlichen Pfarrers, der diese Anordnung, wie aus dem folgenden Text hervorgeht, schon seit 1934 boykottierte, sondern auch auf Gegenwehr bei anderen Lehren, u.a. bei Eugen Antoni.

2. Brief an Lehrer Antoni

                                                                                             AM 4.9.37.

Lieber Kollege Antoni!


            Die Sache mit dem Deutschen Gruss ist, obwohl überraschend einfach, anscheinend doch nicht völlig klar.
            Mir ist die Zungengewandtheit nicht eigen und habe die Feder lieber. Dann will ich ja auch nicht überreden, sondern überzeugen. Ich kann mir das recht leicht machen, denn ich brauche einfach die Sache und nur sie sprechen zu lassen.
            Ich gebe das Schreiben aus guten Gründen Dir; Du bist mein Kollege und Stellvertreter. Also:
            Der Religionslehrer unterlässt es seit 1934, den Unterricht in entsprechender Form zu eröffnen und zu Schliessen. Ein Vorgang, der der Öffentlichkeit nicht entgeht und dessen Gründe zu untersuchen ich weder Anlass noch Lust habe.
            Ich bemühe mich nun, den Pfarrer zu veranlassen, dass er tue, was nicht umgangen werden kann und darf.
            Dein Einwand, es gäbe sicher eine, wahrscheinlich aber mehr Schulen, an denen das sogar von alten Kämpfern unterlasen wird, gibt mir weiter nichts als das eine, dass auch der alte Kämpfer nicht richtig handelt, was doppelt verwerflich wäre.
            Vor allem wollte ich unterbinden und hatte Grund, das zu wollen, dass eine andere Seite sich der Sache annimmt. Das ist, wie ich denke, in Ordnung.
            Wie gesagt. Ich habe dem Pfarrer Mitteilung gegeben, die in Abschrift zu Deiner Einsichtnahme beiliegt. Fast gleichzeitig habe ich meinen Kollegen in dem (ebenfalls beiliegenden) Schreiben gebeten, den Kindern etwa und ungefähr folgendes zu sagen: Ihr Kinder, nach den Ferien soll es so und so gemacht werden.
            Dem Pfarrer kann es nicht unerwünscht sein, wenn ich ihm vorschlug, erst nach den Ferien die Form zu brauchen. Denn sobald ein neuer Abschnitt beginnt, übernimmt man unmerklich das „Neue“.
            Damit ist es zuende. Nein, es beginnt erst. Mein Schreiben ist auf einmal ganz anders aufgefasst, obwhl es nicht misszuverstehen ist. – Die Massnahme sei unpädagogisch. Warum soll man nicht mal eine unpädagogische Massnahme ausführen können? – Der Schüler müsse den Lehrer grüssen und nicht umgekehrt. Das Leben zeigt stets das Gegenteil, und viele Gründe sprechen auch dafür, dass der Einzelne vorangeht, wenn er mit einer (Mannschaft, Gruppe oder) Klasse den Gruss wechselt. (z.B. „Heil Arbeitskameraden“ – Heil mein Führer“) – Weiter wird es dann als ratsam erachtet, die Kinder überhaupt nicht in meinem Sinne anzuweisen und besser ganz davon abzusehen.
            Die  Sorge, was zu geschehen habe, wenn der Pfarrer „es nicht tue“, ist unbegründet. Er wird es sicher tun. Warum denn nicht?
            Niemand will auf den Gedanken kommen, dass „Gesagt, gemacht“ schon unzertrennliche Geschwisterpaare sind und dass der über jeden Rat beratende Herr Rat längst in Gottes selgem Frieden ruht.
            Ich stelle fest: Mein Schreiben stellt nichts weiter dar als die inhaltliche Wiedergabe einer ministeriellen Bekanntmachung wie sie im A.Sch.A.1934 Seite 40/41 gefunden werden kann.
            Alle Anstände wären dann nicht an meine Adresse, sondern an das Ministerium zu richten.
            Dass ich mit meinen Kollegen das beste Einvernehmen wünsche und anstrebe, möge aus einem weiteren Schreiben v. 18. August 1937 an den Herrn Pfarrer (Auch Er gehört zum Lehrkörper) hervorgehen.
            Es ist mein dringender Wunsch, dass die Worte beweisen, nachweisen, kontrollieren, untersuchen und wie die schönen Worte alle alle heissen mögen, verschwinden.
            Jeder soll helfen, dass Jeder sich in unserm Schulhaus wohlfühlt.

                                                          Heil Hitler!

Man kann  dem Brief  entnehmen, mit welchen Argumenten und Tricks Pfarrer und Lehrer versuchten, die Anweisung zu umgehen. Der Schulleiter - wie er selbst sagt kein rhetorisches Genie -  wählt in seinen Briefen den leicht beleidigten und jovialen Ton des zu Unrecht Beschuldigten, der ja nur das Beste will.  Sicher in vielen Fällen eine wirksame Maßnahme, die mehr Erfolg verspricht als Drohungen und harte Disziplinierung. Ich frage mich oft, wie weit der Widerstand bei mir gegangen wäre. Hätte ich für eine Frage wie die, ob der Hitlergruß Vorrang vor dem Schulgebet hat, den Mut aufgebracht, über mehrere Jahre aktiven und passiven Widerstand zu leisten?


3. Die Anweisung:




Sonntag, 3. Juni 2012

Schulgebet und Hitlergruß Teil I

An der Volksschule in Esthal entwickelte sich zwischen Mitte 1937 und November 1938 eine Auseinandersetzung zwischen dem Schulleiter, dem Pfarrer als dem Verantwortlichen für den Religionsunterricht und dem übrigen Lehrkörper, der teilweise ebenfalls das Fach Religion unterrichtete, über die "angemessene" Form des Schulgebets. Hintergrund war die konkordatswidrig nach einer gefälschten Abstimmung am 20. März 1937 erfolgte Umwandlung der katholischen Bekenntnisschulen in "Christliche Gemeinschaftsschulen" oder Schulen unter kommunaler Trägerschaft durch Gauleiter Bürckel und die Verstaatlichung von Schulen in kirchlicher Trägerschaft, also auch aller klösterlich geführten Fachschulen und Gymnasien. Mit Weisung vom 29. Dezember 1937 wurden die übrigen privaten und vor allem die klösterlichen Schulen zum Ende des Schuljahres 1937/38 geschlossen. Schulen, deren Träger sich widersetzten, wurden enteignet.*
Der nationalsozialistische Rektor der Esthaler Volksschule sah seine Rolle in dieser Mission darin, die richtige Form des Schulgebets durchzusetzen, die verlangte, dass der "Deutsche Gruß" Vorrang vor dem Gebet hatte. Offenbar stieß er in diesem Ansinnen auf Widerstand beim Pfarrer und einigen Lehrern. Leider liegen uns aus dem Nachlass unseres Großvaters nur die Schreiben, Anweisungen und Überzeugungsversuche des Schulleiters und nicht die Antworten der Adressaten vor.

1. Brief an den Pfarrer**:


                                                                                           Esthal, den 18.8.37
                      
Sehr geehrter Herr Pfarrer!

            Meine Pflicht ist es und vor allem auch mein Wunsch, ein Verhältnis des Vertrauens unter den Lehrkräften zu schaffen, oder doch anzustreben.
            Dies gilt auch für das Verhältnis Zwischen Ihnen, dem Ortspfarrer und mir. Mag es auch scheinen, als ob dem Schwierigkeiten entgegen stünden, so trifft es doch nicht zu. Denn, ist auch die Schaurichtng verschieden und anders geartet, so hindert das nicht, dass wir gerade und offen einander gegenüberstehen.
            Ich verstehe es und anerkenne es, und würdige es, wenn Sie Ihr Handeln und Ihre Amtsführung nach den Weisungen ihres Bischofs ausrichten.
            So darf ich auch umgekehrt Ihr Verstehen erwarten, wenn ich dem Staat, der Partei und dem Führer restlosen und bedingungslosen Gehorsam zu geben bereit bin. Ja, dass ich diesen Gehorsam nicht nur pflichtmässig, sondern mit innerer Bereitschaft gern und freudig gebe.
            Am besten, wir sind gerade heraus. Die Gemeinschaftsschule kann dem Deutschen Volke nur Segen bringen. Also werde ich sie entschlossen gutheissen. Warum aber deswegen einander feind sein?
            Die Heerschau, wie sie unter dem Namen Wallfahrt in Speyer vorgesehen, beabsichtigt und vorbereitet war, wird der Volksgemeinschaft Schaden bringen und die Gefahr schwerster Trennung heraufbeschwören, also werde ich sie  entschlossen ablehnen, umbekümmert um irgendwelche Rücksicht***. Warum aber deswegen einander gram sein?
            Wenn z.B. „der Pilger“**** fest seine Fensterläden schliesst, damit ja kein Strahl des Lichtes unserer neuen Zeit hereindringt, dann werde ich denk- und folgerichtig von ihm abrücken müssen, möge er mir früher nochso lange Freund gewesen sein. Warum aber deswegen . einander übel wollen?
            Wir haben den festen Glauben, dass wir für ein hohes und grosses  Ziel kämpfen. Sollte diesem Wollen die Ehrlichkeit abzusprechen sein und ihm die Achtung versagt werden können?
            Uns ist das Volk und sein Wohl Richtung und unverrückbares Ziel. Dabei haben wir die felsensichere Gewissheit, dass wir auch vor dem Schöpfer gut und recht handeln.
            Wenn Jedes den andern zu verstehen sich bemüht, dann wird das Ziel, das ich eingangs erwähnte und dessentwegen ich das Schreiben an Sie richte, wohl erreichbar sein.
            Jedenfalls lag mir viel daran, die Bemühung meinerseits nicht zu versäumen.

                                                                               Mit Deutschem Gruß


* Quelle: Die Pfalz unter dem Hakenkreuz. Gerhard Nestler und Hannes Ziegler (Hrsg.) Pfälzische Verlagsanstalt1993

** Hervorhebungen und Fehler im Original

*** Diese Andeutung bezieht sich vermutlich darauf, dass am 15. 8. 1937 das Goldene Priesterjubiläum  und der 20. Jahrestag der Bischofsweihe von Bischof Dr. Ludwig Sebastian in Speyer  mit einer großen Wallfahrt begangen werden sollte. Jedoch ließ die NSDAP an diesem Tag mehr als 40 000 SA-Männer in Speyer aufmarschieren, um dieses Fest zu verhindern. Bischof Sebastian feierte derweil im Stillen im Stift Neuburg bei Heidelberg.

**** Die Kirchenzeitung des Bistums Speyer

Freitag, 11. Mai 2012

Suspendierung, Versetzung, Verweis: Repressalien gegen einen katholischen Lehrer im "Dritten Reich"






Im Jahr 1933 wurde  Eugen Antoni, zu diesem Zeitpunkt Lehrer in Hochspeyer, wegen seiner politischen Aktivitäten  vom Dienst suspendiert.



Vorderseite des Dokuments



Der Text lautet:


Nr.c 4137.                             Abdruck                                Speyer, den 27. Mai 1933


Regierung der Pfalz
Kammer des Innern
...

An
Die Bezirkschulbehörde
                       Kaiserslautern

Betreff:
Verhalten des Lehrers Eugen Antoni
In Hochspeyer

Zum Bericht vom 12.5.1933
Nr.1669 B.

Beilagen:
1 Entschl. Abdruck

Lehrer Eugen Antoni in Hochspeyer ist durch den Beauftragten (des Sonderkommissars der Obersten SA-Führung bei der Regierung der Pfalz, Kammer des Innern) bei dem Bezirksamt Kaiserslautern vom Dienste beurlaubt worden.
            In einstweiliger Erledigung der Angelegenheit wird Lehrer Antoni in Hochspeyer bis auf weiteres  gem Art 129 VLG. unter Wahrung seiner Rechte als Volksschullehrer vorläufig seines Dienstes enthoben.
            Gegen diese Entschließung ist Beschwerde zum Staatsministerium für Unterricht und Kultus in München zulässig.
            Lehrer Antoni ist durch Zustellung des beiliegenden Entschließungsabdruckes nachweislich zu verständigen.

                        gez.


N° 2504 B.

            In Abdruck  gegen Postzustellungsurkunde
                       an Herrn Eugen Antoni, Lehrer,
                                   Hochspeyer


            Kaiserslautern, den 3. Juni 1933
            Bezirksschulbehörde

            Unterschriften


Nach einjährigem Prozessieren auf eigene Kosten wurde er wieder in Dienst genommen und ins abgelegene Esthal strafversetzt, erhielt jedoch einen Disziplinarverweis:




Der Text lautet (Hervorhebungen im Original):


Nr.c 5520.                             Abdruck                            Speyer, den 21. Juni 1934


Regierung der Pfalz
Kammer des Innern
...

An
Die Bezirkschulbehörde
                       Neustadt a.d. Haardt

Betreff:
Verhalten des Lehrers Eugen Antoni
In Esthal

Beilagen:
1 Entschl. Abdruck

Der Volksschullehrer Eugen A n t o n i ist im Amtsbezirk Kaiserslautern und an anderen Orten der Pfalz wiederholt – vornehmlich in den Jahren 1932/33 – als Redner für die Zentrumspartei aufgetreten. Dabei griff er die nationalsozialistische  Bewegung und ihre Führer in Formen an, die über das zulässige Mass hinausgingen, so z.B. in der Versammlung vom 28.2.1932 in Erfenbach und vom 22.2.1933 in Enkenbach. Bei der letzteren Rede fällt erschwerend ins Gewicht, dass sie n a c h Einleitung des nationalen Umschwungs gehalten wurde und die Autorität der deutschen Reichsregierung – insbesondere des Reichskanzlers – in überaus scharfer, ja verhetzender Weise herabzusetzen versuchte. Als L e h r e r und B e a m t e r wäre Antoni verpflichtet gewesen, Zurückhaltung zu üben, mindestens aber seine politische und weltanschauliche Meinung in würdigen und angemessenen – statt agitatorischen – Formen vorzutragen. Als J u g e n d – erzieher endlich musste er so viel nationales Verantwortungsgefühl bekunden, dass er gegen die n a t i o n a l e Bewegung und ihre Führer nicht in so grob gehässigen Formen, wie dies zum Teil geschah, auftrat.
            Wegen der bezeichneten Verstösse gegen die Pflicht zum achtungswürdigen Verhalten spricht die Regierung, Kammer des Innern, gegen Lehrer Antoni die Strafe des

                                                 V e r w e i s e s

aus, womit die ernste Mahnung verbunden wird, in Zukunft sich der Verantwortung, die Amt und Stand ihm auferlegen, bewusst zu bleiben.
            Die Kosten des gebührenfreien Verfahrens fallen dem Lehrer Antoni zur Last. – Gegen diese Entscheidung ist Beschwerde zum Staatsministerium für Unterricht und Kultus in München zulässig. Eine etwaige Beschwerde wäre binnen einer Frist von 14 Tagen, die mit dem auf die Zustellung dieser Entschliessung folgenden Tage beginnt, bei der Regierung der Pfalz, Kammer des Innern in Speyer schriftlich einzureichen.
            Beiliegender Abdruck der Entschliessung ist dem Lehrer Antoni gegen Postzustellungsurkunde zuzustellen.
            Nach Rechtskraft der Entschliessung wolle berichtet werden

                                                          J.V.
                                                          gez. ...




Sonntag, 6. Mai 2012

Ein Pfälzer Lehrer


Unser Großvater Eugen Adam Antoni wurde am 17. September 1897 als drittes  von fünf Geschwistern geboren. Sein Vater Jakob Eugen Antoni war Lehrer in Dahn und Wegbereiter und Gründungsmitglied des „katholischen Lehrervereins der Pfalz“. Er war außerdem Lehrer und Firmpate des Kapuzinerpaters Ingbert Naab, der sich schon früh vehement gegen das nationalsozialistische Gedankengut einsetzte und 1935 im Straßburger Exil starb. Wegen seiner Verdienste um die moderne Pädagogik verlieh die Stadt Dahn Jakob Eugen Antoni die Ehrenbürgerrechte. 


Jakob Eugen Antoni (1864 -1936) 




















 Sein Sohn Eugen besuchte die katholische Lehrerbildungsanstalt Speyer und wurde ebenfalls Lehrer.
Als solcher wirkte Eugen Antoni zunächst in Dahn, dann in Gerbach,  Böbingen und Hochspeyer. Während der Gerbacher Zeit heiratete er am 24. Dezember 1923 die Lehrerin Philippine Kirchner.


Philippine und Eugen Antoni

Das Ehepaar hatte vier Kinder : Maria Ruth (* 1924), Maria Helena (1926 – 2005, unsere Mutter), Wolfgang Ludwig (1930 – 1980) und Anna Maria (* 1934). 

Das Ehepaar Antoni mit Ruth und Helene
etwa 1928 oder 1929

Eugen Antoni war engagiertes Mitglied der Zentrumspartei, für die er in zahlreichen öffentlichen Auftritten und Reden vor und nach der Machtergreifung  gegen die NSDAP agitierte. In Hochspeyer war er Mitglied der sogenannten Pfalzwacht, einer 1930 gegründeten katholischen Selbstschutzorganisation, die Veranstaltungen des  Zentrums und der Bayerischen Volkspartei (BVP), der katholischen Vereine und der Kirche gegen Störungen radikaler politischer Gegner schützen sollte



Eugen Antoni mit seinen drei älteren Kindern in noch glücklichen Tagen (1932)


Wegen seiner politischen  Aktivitäten wurde der Familienvater am 16. März 1933 vom Dienst suspendiert, wurde jedoch 1934 nach einem einjährigen Disziplinarprozess, bei dem er durch den antifaschistisch eingestellten damaligen Bischof von Speyer Ludwig Sebastian Unterstützung fand, wieder in den Schuldienst eingesetzt. Allerdings erhielt er einen Disziplinarverweis und wurde nach Esthal in ein Dorf im Pfälzer Wald strafversetzt, das damals als sehr abgelegen galt. Noch heute muss, wer nach Esthal hineinfährt, auf derselben Straße auch wieder hinausfahren.  Dort blieb er mit seiner Familie insgesamt 12 Jahre, unterbrochen von vier Jahren Wehrdienst und acht Monaten Gefangenschaft. Auch in Esthal stand er unter ständiger Beobachtung von Seiten der Gemeinde- und Schulleitung.  Er und die ganze Familie wurden drangsaliert, u.a. weil nicht nur er, sondern auch seine Frau notorisch den „deutschen Gruß“ verweigerten.  Die Esthaler Bevölkerung dagegen war – nicht als einziges Pfälzer Dorf - überwiegend antifaschistisch eingestellt und unterstützte den in der Pfalz wegen seiner politischen Aktivitäten bekannten Lehrer. 


Nach dem Krieg wurde ihm die Leitung der Esthaler Schule übertragen. Dennoch musste er sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen und wurde von der „Zentralen Säuberungskomission“ nach 12 Jahren ohne Beförderung zur Zurückversetzung um eine Gehaltsstufe verurteilt. Das empfand er als eine öffentliche Abstempelung zum Nationalsozialisten, was ihn mit äußerster Erbitterung erfüllte. Er legte gegen dieses Urteil Beschwerde ein. Seine Briefe in dieser Angelegenheit und die Dokumente, die er zu seiner Verteidigung zusammentrug, sind erhalten geblieben. In den nächsten Wochen wollen wir einige davon hier vorlegen. Sie beleuchten eindrücklich einige Facetten der Situation nichtkonformer Katholiken im sogenannten Dritten Reich und belegen, dass längst nicht jeder zum Mitläufer oder gar Mittäter des Regimes geworden ist.


Eugen Antoni nach dem Krieg bei einer Rede


Seine Beschwerde wurde schließlich angenommen. 1946 wurde er Rektor der Katholischen Volksschule in Landstuhl, wo er gleichzeitig als Leiter der Berufsschule fungierte. Im Mai 1950 wurde er zum Schulrat ernannt. Er war Gründungsmitglied der CDU im Landkreis Kaiserslautern  und engagierte sich neben seiner Tätigkeit als Pädagoge wie vor dem Krieg vielfältig in der Politik u.a. als Stadtrat und Mitglied des Kreistages.

Er starb am 23. April 1953 mit nur 55 Jahren an Lungenkrebs. Von seinen Kindern leben heute noch die älteste und die jüngste Tochter Ruth und Maria. Leider hatte keines seiner acht Enkelkinder die Ehre, diesen aufrechten Mann kennenzulernen.