Donnerstag, 17. Oktober 2013

Engel III oder "Ein Mensch ohne Macke ist Kacke!" oder "Jeder"? - #BAD13



Ich bin spät dran. Heute ist der 16. Oktober und, wie ich zufällig dank Claudia Sperlich erfahren habe, Blog Action Day. Thema: Die Menschenrechte. Unseren kleinen Familien - und Kreuzweg - Blog habe ich dafür registriert, ohne daran zu denken, dass ich an diesem Tag arbeiten darf - wie es einem der Menschenrechte entspricht - und dass es spät wird, bis ich nach Hause komme. Aber noch dauert diese Aktion an. Und ich will einige Menschenrechte kommentieren und besprechen, über die ich in letzter Zeit aus gegebenem Anlass viel nachgedacht habe.

Jetzt muss ich etwas weiter ausholen. Ich arbeite in einer Einrichtung, die das Leben und Arbeiten von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung fördert. Aber auch als Kinder sind wir alle immer mal wieder mit diesem Thema in Berührung gekommen, denn unsere Tante war eine Nonne vom Orden der "Schwestern vom Armen Kind Jesus". Sie war Sonderschullehrerin in einem Kinderheim, in dem etliche Kinder mit Behinderung aufwuchsen. Einige blieben dort und arbeiteten noch lange Jahre für die Landwirtschaft des Heimes. Weil unser Vater später selbst dort tätig war, noch später auch ich, wuchsen wir hinein in den ganz selbstverständlichen Umgang mit jungen und älteren Menschen, die eben nicht wie "Jeder" waren.

Mir ist aufgefallen, dass "Jeder" ein Wort ist, dass in allen 30 Artikeln der Menschenrechtserklärung vorkommt!

An allen Artikeln könnte man etwas "herumnörgeln", wenn man mit Behinderten arbeitet, denn obwohl es sich um Menschen handelt, treffen diese Formulierungen oft einfach nicht zu.

Ein paar Beispiele aus meinen Erfahrungen:

Ein junges Paar aus meinem beruflichen Umfeld, beide mit geistiger Behinderung, erwartete ein Kind. Sie freuten sich sehr darüber. Die junge Frau wies den Gedanken an eine Abtreibung weit von sich, und wir unterstützten die beiden, so gut wir konnten. Sie wurden in allen Belangen, bis hin zum Beistand bei der Geburt des Babys, gemäß ihren Wünschen begleitet.
 An einem Abend im Freundeskreis erzählte ich davon. Dabei war ich mir der Problematik bewusst, aber auch der großen Hoffnung und Freude, die im wahrsten Sinn des Wortes "heranwuchs"!
Kommentar von einem der kopfschüttelnden Bekannten: "Sowas g'hört weg!"

Artikel 3

Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 16.3

Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.





Kürzlich saß ich mit ein paar Leuten aus meiner, na, nennen wir es mal "erweiterten Familie" beisammen. Sie wohnen in einer paradiesischen Umgebung mit wundervollen alten Gebäuden und betrieben bis vor nicht allzu langer Zeit eine Galerie. In ihren Häusern und Zimmern hängen zahlreiche Gemälde und sonstige Kunstwerke, die sie für sich selbst erworben hatten. Einige davon gefallen mir ganz ausgesprochen gut, andere wieder nicht, aber das ist ja wohl normal. Ich brachte das Gespräch auf die Kunstwerke und die ehemalige Galerie und erzählte von der "Malwerkstatt" unserer Einrichtung. Die begeistert mich immer wieder. Wann immer ich kann, begleite ich einige behinderte Künstler dorthin und male selber ein wenig - ohne dabei "Kunst" zustande zu bringen - beobachte die Leute bei ihrer selbstvergessenen hingebungsvollen Arbeit und freue mich einfach. Fast jede Ausstellung besuche ich und habe mir schon manches Kunstwerk gekauft.
Ja, also ich erzählte davon und bedauerte, dass die Galerie nicht mehr existiert, denn sonst, meinte ich, könnte man ja eine Ausstellung mit den Werken unserer behinderten Künstler dort organisieren. Der ehemalige Galerist schüttelte schon den Kopf, während ich noch redete.

Nein, das kann man nicht, das würde er niemals tun. 

Ja, warum denn nicht? das sind wirklich tolle Werke, und der Leiter der Malwerkstatt ist selbst ein  Künstler! Der unterrichtet an einer Kunsthochschule und hat ein Atelier und ...

Da gibt es einen ganz einfachen Grund. Kein Künstler, der auf sich hält, würde jemals wieder in einer Galerie ausstellen, die sowas gezeigt hat. Deshalb wird kein ernst zu nehmender Galerist so etwas machen. da verdirbt er sich das Geschäft.




Artikel 27.1

Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.



Ein letztes Beispiel:
 In unserem kleinen Wohnheim lebt ein Mann mit sogenannter geistiger Behinderung. Ich würde eher sagen, er hat eine Lernschwäche. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft der Eingliederungshilfe, ohne Nachtdienst, und er hat keine Pflegestufe. Verwandte von ihm sind seine gesetzlichen Betreuer. Er hat Betreuung in allen Bereichen, also Aufenthalt, Gesundheit, Behördenangelegenheiten, Vermögen, Post. 

Er ist gläubiger Christ. Er liebt seine Verwandten. Jeden Tag verabschiedet er sich mit einem "Gott segne Dich" von mir. Er gibt sich Mühe, seine geringen Lese - und Schreib - Fähigkeiten zu erhalten. Täglich geht er zur Arbeit - oder eher nächtlich, er arbeitet in unserer Demeter - Bäckerei. Weil er etwas lernen möchte, besucht er in seiner Freizeit die Neigungsgruppe "rechnen, messen, wiegen" und nimmt an einer Tanz - AG teil. Er hat früher bei den Eltern gelebt, seit er bei uns ist, hat er gelernt, selbständig mit dem Bus und dem Zug zu fahren und sich in den nächstgelegenen Städten zurecht zu finden. Er übt fleißig und voller Stolz, mit dem Giro - Konto umzugehen, das wir ihm eingerichtet haben, und spart Geld um sich seine Wünsche - Reisen, mal einige DVDs oder CDs, Blumen und Pflanzen - erfüllen zu können. 
Dieser Mann hat kein Wahlrecht! Ein Antrag seiner Betreuer könnte dafür sorgen, dass er es bekommt. Er ist der Einzige in unserer kleinen Einrichtung in dieser Situation - obwohl es noch mehr Leute mit solch umfassender Betreuung gibt. Bei den letzten Gemeinderatswahlen erst ist das aufgefallen. 


Wir dachten damals, es liege ein Missverständnis vor, als er keine Wahlbenachrichtigung bekam, und erklärten ihm, das mache ja nichts, er könne einfach seinen Personalausweis vorlegen. Aber er stand nicht im Wähler - Verzeichnis. Noch immer glaubten wir an irgendeinen Fehler. Also riefen wir seine Verwandten und gesetzlichen Betreuer an. Es stellte sich tatsächlich heraus, dass sie das nicht möchten und als nicht sinnvoll ansehen. Für unseren Betreuten war die Situation schlimm. Er konnte nicht verstehen warum er nicht wählen darf - und als er verstand, dass seine geliebte Familie es nicht möchte, war es noch ärger für ihn. Wir Betreuer machten uns kundig und erfuhren, dass ein einfacher Antrag, unterschrieben von ihm selbst (er kann eine Unterschrift leisten), ihm die Wahlberechtigung verschaffen könnte. Aber er lehnte unseren Vorschlag und unser Hilfeangebot ab, weil er die Familie nicht verärgern wollte. Sie sind ihm soo lieb und wichtig!!!! 

Inzwischen ist er zum Bewohnerbeirat gewählt worden - er, der in unserer Gesellschaft nicht wählen darf. Seine Mitbewohner finden ihn geeignet dafür und trauen ihm zu, für sie zu sprechen. Ich habe seine Betreuer noch einmal angerufen und gebeten, sich das doch noch mal zu überlegen. Sie reagierten freundlich - ablehnend, immerhin wollen sie es sich aber bis zu den nächsten anstehenden Wahlen nochmals überlegen.



Artikel 21

1.Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.

2.Jeder hat das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem Lande.

3.Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt; dieser Wille muß durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und gleiche Wahlen mit geheimer Stimmabgabe oder in einem gleichwertigen freien Wahlverfahren zum Ausdruck kommen.



JEDER?



Die Bilder stammen aus der Ausstellung "Voll Konzentriert" unserer Malwerkstatt.


Kommentare:

  1. Danke für den schönen Beitrag! Sehr nachdenkenswert!

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  2. Herzlichen Dank für den Beitrag. Erschütternd...

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  3. Ich bin auch erschüttert. Besonders über den Satz "Sowas g'hört weg." Danke für den Beitrag und danke für diese schöne Seite.

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